Die Weihnachtszeit in Taizé
26.02.2022
Entschuldigt bitte, dass ich nicht so wirklich dazu komme etwas über mein Leben in Taizé zu berichten, besonders da ich schon über ein halbes Jahr hier bin. Dieser Artikel ist leider auch nicht ganz vollständig, aber er enthält sehr viel über die Weihnachtszeit in Taizé, auch wenn das Ende etwas lückenhaft ist. Allerdings habe ich seit einem Monat nicht mehr weiter geschrieben, deshalb bekommt ihr jetzt diese Fassung zu lesen. Da ich nicht wieder versprechen möchte, dass sich das in Zukunft bessert, nur um dieses Versprechen wieder zu brechen, möchte ich euch bitten diesen Artikel einfach zu genießen. Viel Spaß!
Prolog
Ende November gab es ein sehr einschneidendes Ereignis, das unser aller Weihnachten in Taizé drastisch verändern würde. Das europäische Jugendtreffen in Turin würde wieder nicht in der geplanten Weise stattfinden. Wir fahren also nicht weg, Weihnachten wird in Taizé sein, das Welcome wird offen sein und wir können Programm für eine Weihnachtsfeier gestalten. Natürlich gab es zu diesem Zeitpunkt noch nichts Festes, an das wir uns halten konnten, stattdessen meinten die Brüder, dass wir in den nächsten Wochen besonders viel Spontanität erleben würden, und gaben ihren typischen Kommentar "We will discover" von sich. Doch so begann die Weihnachtszeit für uns, für die 44 Permanents in Taizé.
Adventszeit
Schon die Advenszeit alleine ist einen eigenen Artikel wert, aber naja, ihr kennt mich ja. Wenn ich über alle Etappen einen eigenen Artikel schriebe, gäbe es an Ostern den letzten und mindestens einer würde fehlen. Also gibt es wohl einen langen Artikel über alles zusammen.
Ebenfalls Ende November, noch vor der Verschiebung von Turin, beschlossen wir in unserem Haus, Petite Morada (dem Haus für die Jungs, die mindestens ein halbes Jahr bleiben), einen Adventskalender zu gestalten. Wichtig: nicht nach deutscher Art, also am 1.12. zu beginnen, sondern schon am 1. Advent, also dem 28.11. anzufangen. Unsere Idee: kleine Sharings, also Präsentationen von Geschichten, Musik, Gedichten, Inspirationen, o.ä., zu jedem Frühstück und Sonntags zum Mittagessen. Da wir in unserem Esszimmer exakt 27 Fenster haben, sollte man zudem ein Fenster passend zum Sharing gestalten. Dabei sollte jeder Junge und die zwei Brüder, die für Petite verantwortlich sind, mindestens einmal etwas vorbereiten. Das Einigen auf ein Thema, zu dem die Sharings passen sollten, war der langwierigste Prozess hierbei: nach einiger Diskussion konnten wir uns auf "An Advent Journey" einigen, wobei das Thema eher eine grobe Idee statt einer Richtlinie darstellen sollte.
Es war eine sehr schöne Idee und wir hatten 27 sehr unterschiedliche, spannende, kreative und lustige Sharings, die uns täglich neu überrascht haben. Auch die anderen beiden Häuser, Lambarene (kurz Lamba, hier wohnen die Mädchen, die mindestens ein halbes Jahr bleiben) und Tilleul (die Jungs, die weniger als ein halbes Jahr in Taizé verbringen), hatten Adventskalender. Allerdings hat der Hausbruder von Tilleul unsere Idee gestohlen und deutlich schlichter umgesetzt, und in Lamba gab es Geschenke in Klopapierrollen, was am Anfang halbwegs funktioniert hat, am Ende gab es aber weniger Interesse und Geschenke wurden nicht gemacht oder nicht angenommen. Ob unser Kalender der beste von allen war, lässt sich pauschal wohl nicht sagen, aber ja, war er :-)! Falls euch interessiert, was meine zwei Sharings waren, müsst ihr mich anschreiben, dazu ist hier wirklich kein Platz mehr.
Denn unsere Adventszeit bestand nicht nur aus Adventskalendern. Über drei Wochen hinweg wurden ungefähr 6000 Plätzchen gebacken, die an Menschen in der Umgebung verteilt wurden und natürlich von den Permanents verspeist wurden und werden. Falls ihr glaubt, dass 6000 Plätzchen doch etwas sehr viel sind, kann ich euch beruhigen: letztes Jahr wurden etwa 10.000 Plätzchen gebacken, die es noch bis Ostern gab.
Zudem habe wir einen Chor aus Permanents gegründet, mit dem wir 5 Stücke einstudiert haben. Diese waren in 4 verschiedenen Sprachen, um auch die Internationalität von Taizé hervorzuheben, auch wenn zwei der Sprachen von niemandem in Taizé gesprochen werden: Latein (in Adeste Fidelis) und Ukrainisch (in Shchedryk). Das war ein ziemlicher Aufwand, da es einige Zeit (3-5 Stunden pro Woche) und sehr viele Nerven beansprucht hat, weil wir irgendwo einen Zwischenweg zwischen Basisdemokratie und Hierarchie finden mussten, obwohl wir alle gleichgestellte Permanents sind. Letztendlich hatten wir aber sehr viel Spaß und konnten unser Repertoire gleich zweimal präsentieren.
Neben dem Chor gab es natürlich weitere Planungen und Proben für eine gemeinsame Weihnachtsfeier für alle Permanents. Kleine Ensembles, ein spontaner Tanz und ein Krippenspiel. Letzteres wurde gemeinsam geschrieben und unter einigem Zeitdruck geprobt. Es war mit Abstand das witzigste Krippenspiel, das ich je gesehen habe, doch mehr dazu später.
Denn natürlich wurde die Adventszeit auch in den Gebeten besonders gefeiert. Am Samstag vor dem ersten Advent waren wir sehr lange damit beschäftigt in der Kirche einen Adventskranz, oder vielmehr einen Adventsbaum aufzustellen und zu dekorieren. Es war definitiv ein großer Spaß und unsere Dekoration sah sehr hübsch aus. Auch vor der Kirche wurde fleißig dekoriert: eine Krippe, gestaltet vom Deko-Team, das den ganzen November schon an der Dekoration für Turin arbeitete. Jeden Samstag kamen weitere Elemente dazu, also quasi auch eine Advents-Reise, wie unser Adventskalender. Am Abend desselben Samstags, zum Abschluss des Abendgebets, gingen die Brüder mal nicht wie gewöhnlich in ihre Sakristei, sondern sie zogen sich Jacken an und gingen nach draußen vor die Krippe. Hier sangen wir dann zwei Lieder in froher Adventsstimmung. Advent war nun also wirklich da!
Jedes Gebet in der Adventszeit begann statt mit einem normalen Taizé-Gesang mit einem dreistimmmig gesungenen Ausschnitt aus Psalm 85, wunderschön und ich habe noch immer Ohrwürmer davon. Auch klassische Advents- und Weihnachtslieder durften natürlich nicht fehlen. So haben wir französische Versionen von "O Heiland, reiß die Himmel auf" (O viens, Seigneur, ne tarde pas), "Macht hoch die Tür'" (O vous qui dans l'obscurité) und "Es ist ein Ros' entspungen" (D'un arbre séculaire) gesungen, weshalb ich musikalisch wunschlos glücklich war. Zudem gab es andere, zur Adventszeit passende liturgische Stücke und jeden Mittwoch Abend eine zusätzliche Eucharistie-Feier.
Diese begann in einer vollständig dunklen Kirche und während des ersten Liedes haben alle eine Kerze angezündet, wie an einem Samstag Abend. Danach, während des Glorias, wurde dann auch das elektrische Licht eingeschaltet und die Kirche war plötzlich vollkommen hell. Und dann gab es, naja, eben eine Eucharistie mit ihrer recht katholischen Liturgie. Dennoch waren es vier sehr besondere und schöne Gebete.
Jeden Samstag Abend wurde dann zu Anfang des Gebets die nächste Adventskerze von Kindern angezündet. Wir hatten also einen wirklich schönen Monat für die Vorbereitung auf die Ankunft Christi.
Weihnachten
Nun, da alle weihnachtswichtigen Vorbereitungen erledigt waren - Weihnachtsdeko, Plätzchen, Stimmung, etc. -, war es also Zeit für Heilig Abend. Als kleines unerwartetes "Geschenk" wurde ich zum Mittagessen der Brüder eingeladen. Das war zwar nicht das erste Mal, dass ich eingeladen wurde, aber zu Heilig Abend ist es schon besonders. Außerdem schmeckt das Essen bei den Brüdern in der Regel besser als das für die Permanents. Am Nachmittag war wieder fleißiges Proben angesagt.
Zum Abendessen versammelten sich alle Permanents, einige Brüder und Schwestern zu einem gemeinsamen Abendessen. Das ist etwas ganz besonderes, da die Permanents sonst geschlechtergetrennt essen. Für dieses Heilig Abend Festmahl gab es leider kein Raclette, ein Essen das ich sehr vermisse, sondern folgende vier Gänge, die von den Brüdern gekocht wurden. Zuerst Suppe mit Brot, das haben wir Jungs abends auch, da wir auch sonst mit den Brüdern essen, als Hauptgang Pilzrisotto, nicht mein Lieblingsessen und auch nicht das Essen mit dem ich gerechnet habe, aber es hat dennoch sehr gut geschmeckt, als erstes Dessert gab es, sehr französisch, Käse mit Brot und als letzten Gang Schokokuchen.
Nach dieser deliziösen Mahlzeit ging es ab in die Kirche, die durch etwa 300 Franzosen aus der Region deutlich voller als sonst war. Eine große Besonderheit war, dass es eine kurze Predigt gab, die natürlich auf Französisch gehalten wurde, weshalb ich leider nichts verstand. Dennoch war es allemal ein schönes Gebet. Nur dass wir eine Eucharistie gefeiert haben, hat mich etwas verwirrt hat, da ich nur an den Weihnachtstagen an Abendmahl-Feiern gewöhnt bin, nicht aber an Heilig Abend. Lustiger Weise haben wir dafür am Samstag kein Avendmahl gefeiert, wovon sowohl ich verwirrt war, aber auch der Bruder verantwortlich für die Kommunion. Für mich auch nicht normal, für Taizé aber sehr passend, hatten wir Kerzen, die wir am Anfang angezündet haben.
Wären wir nach Turin gefahren, hätten wir uns nach diesem Abendgebet mit unserem Gepäck zu den Bussen begeben müssen. Sind wir aber ja nicht. Also haben sich alle Permanents stattdessen zu einem großen Lagerfeuer zusammengefunden. Da haben wir gemeinsam gesungen, getanzt, gelacht, geredet, Glühwein getrunken (was für eine lange Alliteration!) und sehr viel Spaß gehabt.
Da sich diese Feier noch recht lang in die Nacht zog, wurde das Morgengebet am Samstag auf 10 Uhr verschoben. Um Weihnachten besser genießen zu können, hatten wir nach Möglichkeit keine Arbeit an diesem Tag, auch wenn natürlich einige Arbeiten, wie z.B. kochen, nicht ausfallen konnten. In der Kirche hatten wir aber tatsächlich einen entspannten Tag, da wir nur die wichtigen täglichen Aufgaben erledigen mussten. Das haben wir auch in Rekordzeit geschafft, da das Morgen- und das Nachmittags-Team mit angepackt haben.
Das Mittagessen wurde so wie das Abendessen am Freitag sehr festlich begangen. Doch diese Mahlzeit genossen wir getrennt in unseren Häusern.
Um 15:15 trafen sich einmal wieder alle Permanents, diesmal in Wanagi Tacanku, einer alten Scheune für Ausstellungen, Workshops oder musikalische Auftritte. Hier zeigten wir unser gesamtes Programm, das wir in der Adventszeit einstudiert haben. Begonnen haben wir mit unserem Chorrepertoire. Danach gab es eine kleine Bibeleinführung, vorbereitet von 5 Permanents, die uns über das Geheimnis von Weihnachten und Gott erzählt haben. Und dann ging es weiter mit vielen verschiedenen kleinen Gruppen mit musikalischen Einlagen. Von selbstkomponierten Stücken begleitet von Horn und Gitarre, über Popsongs bis zu Weihnachtsliedern zum Mitsingen begleitet von Flöten und Geigen war alles dabei. Beendet wurde diese Feier dann mit unserem Krippenspiel. Darin ging es um die Überlegung, was passieren würde, wenn Maria und Joseph heute nach Taizé kommen würden, da sie Bethlehem nicht finden können, weil Maria ihr Handy im See Genezareth verloren hat und die Richtung des Sterns nicht so leicht zu lesen ist. Durch den sehr umweltbewussten, emanzipierten und kritischen Charakter von Maria, die Anspielungen auf Corona-Maßnahmen und Imitationen von Brüdern und Schwestern, war es eine unfassbar lustige halbe Stunde. Sowohl zum Mitspielen als auch zum Zuschauen. Besonders die Brüder und Schwestern anzuschauen, die bei den Imitationen nicht mehr aufhören konnten zu lachen und noch nichts über das Stück wussten, bereitete uns allen große Freude. Nach einer großen Ladung Applaus und einigen Abschlussworten wurden dann die im Advent gebackenen Plätzchen herumgereicht, heiße Schokolade getrunken und mal wieder sehr viel geredet und gelacht.
Da ich nun schon über 4 Monate von zuhause weg bin und in dieser Zeit nicht so viel Kontakt zu meiner Familie hatte, beschlossen wir recht spontan uns per Zoom zu treffen. So verabschiedete ich mich also vom Plätzchenschmauß und ließ einige andere Permanents mit schlechtem Gewissen zurück auch mal wieder mit ihren Familien telefonieren zu sollen. Für eine Stunde, unterbrochen von ein paar Internetproblemen, haben wir uns dann ein bisschen ausgetauscht, gelacht und uns über die Distanz wiedergesehen. Direkt nach diesem schönen Telefonat ging es auf zum feierlichen Abschluss dieses Weihnachtstag: Abendessen mit Gemüselasagne.
Silvester
Ja, zu Silvester wollte ich auch etwas schreiben, besonders da alles noch unerwarteter war, da drei Permanents leidee Corona hatten und wir daher die Häuser getrennt haben. Aber weil ich nicht dazu gekommen bin, sei einfach gesagt, dass Silvester und die „Zeit zwischen den Jahren“ sehr schön war.
Epiphanias
Um das Ende der Weihnachtszeit in einer wiederum anderen Weise zu feiern, beschlossen unsere Hausbrüder, dass wir für einen Abend in Stille gehen würden. Wir trafen uns also eine halbe Stunde vor dem Abendessen in unserem Gemeinschaftsraum und bekamen eine kleine Bibeleinführung über Lukas 3, 15-16+21-21, die Taufe Jesu. Dabei ging es darum, wie diese und Epiphanias zusammenhängen und sich letztendlich alle großen christlichen Feste um eine Sache drehen: das Geheimnis Christi.
Und dann begann die Stille. Abendessen mit Reispfanne und Bachs Weihnachtsoratorium. Kein Reden, nur Musik, die Essgeräusche der Anderen und Verwunderung über die schier unendliche Menge an Nachtisch.
Ein paar Stichpunkte, die ich noch nicht ausformuliert habe:
- Ich musste dennoch arbeiten und leider dabei reden
- Danach war ich auf einem sehr kurzen Spaziergang
- Die ganze Zeit über habe ich kein Internet genutzt
- Nach der Eucharist war die Stille vorbei
- War das Ende der Weihnachtszeit
Epilog
Und so geht die Weihnachtszeit zuende. Ich kann von Herzen sagen, dass es mein schönstes Weihnachten war. Denn auch wenn diese festliche Zeit mit meiner Familie immer schön war, wurde dieses Weihnachten dadurch besonders, dass es so anders war. Es war eine ganz andere Erfahrung und das macht es so schön.
Ich hoffe auch ihr hattet besinnliche Festtage und konntet die Zeit genießen. Wenn es euch nicht möglich war, wünsche ich es euch ganz besonders fürs nächste (also dieses) Jahr!
Euer Janosch