Taizé

Nach einem Jahr zurück

25.08.2023

Und so fahre ich wieder aus Taizé. Schon wieder Regen nach zwei Wochen kaum erträglicherer Hitze. Mein Abschied heute ist leichter, denn dieses Mal war ich nur fast drei Wochen hier und kein ganzes Jahr. Dennoch mischen sich Freude, auf die nächsten Wochen und ein baldiges Wiedersehen, und Trauer, dass die Zeit schon wieder vorbei ist.

Zurück nach Taizé


Im Bus nach Chalon beantworte ich erst einmal eine Stunde lang Nachrichten, denn von Sonntagabend bis heute Morgen war ich in Stille. Jetzt geht es nach Schwerte zum Senatstreffen des Evangelischen Studienwerks Villigst. Eine Umstellung, aus der Ruhe und Geborgenheit bin ich wieder ganz im Arbeitsmodus, habe zwei Konferenzen vorzubereiten, ein Praktikum in der Tontechnik am Theater Heidelberg vor mir, ziehe Ende September innerhalb meines Wohnheims um und habe noch sehr viel weiteres zu erledigen. Doch jetzt möchte ich von Taizé erzählen.
Schon in Rostock beim Europäischen Jugendtreffen habe ich dir Brüder gefragt, ob ich diesen Sommer wieder nach Taizé darf, um die Song Practice und den Chor zu leiten. Das habe ich dann auch zwei Wochen lang gemacht. Zwischen Klausuren und dem Senatstreffen fanden sich glücklicherweise zweieinhalb Wochen ohne Vorhaben, die ich so sehr gut nutzen konnte.

Song Practice und Stille (und Corona…)


Und es war eine große Freude wieder in Taizé zu sein. Wenn auch noch sehr surreal auf der Hinfahrt, am Bahnhof in Chalon und Macon und in der ersten Woche, bin ich nach fast einer Woche richtig angekommen, hatte zwei wundervolle Chöre, die mir wieder großen Spaß bereitet haben, und habe viele Menschen getroffen. Bekannte Gesichter von Freiwilligen, die mit mir in Taizé waren, und neue Gesichter, von Personen, die ich ganz neu kennenlernen durfte.
Es hat ein bisschen gebraucht bis ich meine neue Rolle gefunden habe. Denn ich war weder ein Freiwilliger noch ein „normaler“ Gast; ich war irgendwo dazwischen. Mahlzeiten hatte ich mal mit den anderen Spezialgästen, mal mit den Brüdern und Freiwilligen, geschlafen habe ich in Le Puits, dem Haus für die Jungs in Stille, und gebetet mit allen anderen.
Leider hatte ich dann in der zweiten Woche Corona, zum Glück nicht so heftig wie die letzten beiden Male, aber trotzdem nervig, wenn man den Urlaub genießen möchte. Zum Glück durfte ich, dank der nicht mehr vorhandenen Corona-Beschränkungen, mit Maske weiterhin die Song Practice leiten, was zwar deutlich anstrengender war als sonst, aber weiterhin sehr bereichernd. Den restlichen Tag lag ich dann in meinem Bett. Ganz unzusammenhängend die Empfehlung die Serie „Atypical“ auf Netflix anzuschauen. :)
Und nach zwei Wochen Arbeit ging es dann für vier Tage in Stille, da es sich nicht gelohnt hätte, nur eine halbe Woche mit dem Chor zu arbeiten. Und wie man es von einer Zeit der Kontemplation vielleicht erwartet, haben sich hier einige Dinge für mich geklärt, viele Dinge überhaupt nicht, und weitere Gedanken sind aufgekommen. Zwei Inspirationen möchte ich gerne hier teilen.

„Trust is bidirectional“


In meiner Stille habe ich, dank der Bibeleinführungen, sehr viel über Vertrauen nachgedacht. Dabei habe ich mir Fragen gestellt, wie „Wie baue ich Vertrauen zu Gott auf?“, „Was macht Vertrauen aus?“ oder „Kann ein Mensch so vollständig auf Gott vertrauen, dass sie:er über Wasser gehen kann?“. Dabei habe ich zuerst daran gedacht, wie Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen funktioniert.
Wenn ich einem anderen Menschen vertraue, dann traue ich der anderen Person zu richtig zu handeln und erwarte, dass dieser andere Mensch für mich da ist, wenn ich sie:ihn brauche. Im Vertrauen kommt aber noch eine zweite Komponente dazu. Denn wenn ich Gott vertraue, traue ich Gott zu, richtig zu handeln und einen Weg für mich zu kennen, und erwarte, dass Gott da ist, wenn ich göttlichen Beistand brauche. Aber ich vertraue auch in Gottes Vertrauen in mich, dass Gott mir vertraut, dessen vorgeschlagenen Weg zu gehen und Gottes Wort durch mein Leben zu verkünden.
Das klingt erst einmal abstrakt, aber Gott vertraut den Menschen, was durch den Tod Christi sichtbar wird. Es ist also ganz logisch diesem Vertrauen zu vertrauen. Deshalb geht Vertrauen in zwei Richtungen. Und ich glaube, dass sich das auch auf zwischenmenschliches Vertrauen übertragen lässt. Denn wenn wir einer anderen Person nicht vertrauen, dass sie uns auf die gleiche Weise vertraut, wieso sollten wir dann diesem Menschen unser Vertrauen schenken?

Risiko


Dieser Gedanke ist etwas weniger abstrakt und hat einen klaren Bezug zu Taizé. Und ich möchte dazu einladen, es selbst auszuprobieren.
Neben Vertrauen habe ich auch viel darüber nachgedacht, Risiken zu wagen, Ängste zu überwinden und Neues zu wagen. Dabei habe ich festgestellt, dass zumindest ich häufig recht wenig Angst davor habe ein Risiko an sich einzugehen, beispielsweise ein bestimmtest Fach zu studieren, etwas anders zu machen als der Rest, oder ganz banal eine Person nach einem Date zu fragen. Viel mehr habe ich Angst davor, was die Konsequenzen daraus tatsächlich bedeuten, nicht, dass es schlecht ausgeht, sondern ob das bestmögliche Szenario tatsächlich das ist, was ich möchte, zum Beispiel, ob ein anderes Studienfach mich wirklich glücklich macht oder ob ich mit der anderen Person eine Beziehung führen möchte. Also selbst, wenn das Ergebnis davon ein bestimmtest Risiko einzugehen gut ist, frage ich mich, ob das dann wirklich besser ist als der Status quo. Und es könnte ja auch schief gehen.
Ich habe aber ein sehr schönes Beispiel gefunden, mit dem ich einen solchen Sprung ins Leere vergleichen möchte. Da es so heiß war, war ich in meiner Stille nur abends spazieren. An einem meiner letzten Abende war ich auf der bekannten Brücke über die TGV Gleise nahe Taizé. (Und nein, ich möchte nicht, dass jemand den „Sprung ins Leere“ hier wörtlich nimmt.) Und dann habe ich gewartet bis ein TGV kommt. Da es so dunkel war, konnte ich nur die drei Lichter der Frontscheinwerfer sehen. Obwohl ich wusste, dass ich sicher auf der Brücke stehe, war ich trotzdem für einen kurzen Moment verängstigt, da der TGV sehr schnell auf mich zugerast kam. Dann fuhr er direkt unter mir durch, es wurde laut, Wind kam auf und es hat sich unfassbar angefühlt über diesem TGV zu stehen.
Ich glaube so ist es auch häufig mit Risiken. Für einen Moment sind wir sehr verängstigt, weil wir nicht wissen, was genau kommt. Aber wenn wir auf unser Fundament vertrauen, eine Brücke, Gott oder Personen, die uns durchs Leben begleiten, dann werden wir viel länger als diesen kurzen Augenblick belohnt und es fühlt sich großartig an, dass wir dieses Risiko eingegangen sind. Deshalb hier die Einladung nachts auf einer Brücke zu stehen und dabei zuzusehen, wie ein Hochgeschwindigkeitszug unter der Brücke durchrast. Manchmal müssen wir nur ein bisschen fester auf unser Fundament vertrauen und wissen, dass es etwas gibt, das uns trägt.

So, nach diesen vielen Gedanken noch die weitere Einladung, einen meiner neuen Texte zu lesen, die ich in meiner Stille geschrieben habe. Es sind ein Glaubensbekenntnis und der Poetry Slam „Hier Titel einfügen“ entstanden.
Liebe Grüße aus dem Zug!