Textsammlung

Kurzgeschichte: Die Bedeutung der Farbe grün

27.11.2022

Sie sitzt da. An ihrem Schreibtisch.

Auf der linken Seite steht ihr Computer, ganz neu. Hat sie zum Geburtstag bekommen, auch wenn sie eigentlich nicht braucht und jetzt kaum nutzt.

Sie denkt nach. Das Mittagessen heute war gut. Sie sollte sich das merken. Zucchini und Zwiebeln angedünstet zu Reis. Schnell und lecker.

Durch das Fenster strahlt ein blasses Licht. Man sieht Menschen. Sie laufen hin. Unter ihnen fließt der Fluss. Sie machen ein Foto. Der Fluss ist heute sehr trübe. Sie laufen zurück.

Was hatte Lukas gestern gesagt? Nicht jeder hat das Potenzial zu gewinnen, aber jeder hat die Chance es zu versuchen. Er ist so süß und so schlau. Aber sie weiß nicht, wie sie ihn fragen soll, mal was mit ihr zu machen. Vielleicht hat er eine Freundin? Wie stellt man sowas an? Sie weiß wie sie wissenschaftliche Arbeiten liest. Aber wie man andere Menschen versteht?

Rechst liegt ein Ordner. Sie will gar nicht wissen, wie viele Stunden sie damit verbracht hat, diese Aufschriebe anzufertigen und zu lernen. Alles in schöner Handschrift, Überschriften markiert, wichtige Passagen angestrichen. Mama sagt, sie sei der ordentlichste Mensch. Doch was heißt schon Ordnung? Sie macht es halt so.

Morgen geht sie vielleicht wieder ins Kino. Gibt einen neuen Film. Alle gehen hin. Der Titel ist The green irgendwas. Genau weiß sie es auch nicht.

An der Wand hängt ein Bild. Von IKEA oder so. Dass das Zimmer nicht so trüb ist. Wobei es damit seiner Aufgabe nicht gerecht wird. Das Bild ist eine schwarz weiß Fotografie eines Baumes.
Wo ist eigentlich ihre Mütze? Bald wird es wieder kalt. Vielleicht liegt sie noch bei ihren Eltern. Sonst muss sie sich eine neue kaufen. Nur muss sie sich dann wieder für eine Farbe entscheiden. Und es gibt doch so viele schöne.

Neben dem Ordner steht ein Becher. Da sind ihre Stifte drin. Marker, Fineliner, Filzstifte, ein Füller, Bleistifte, alles. Sie macht manchem Schreibwarengeschäft Konkurrenz. Aber sie verkauft sie ja nicht.

Bald ist endlich ihre letzte Klausur. Dann nur noch ihre Abschlussarbeit. Sie kann es kaum erwarten nicht mehr immer lernen zu müssen. So viel unnötiger Stress.

Unter dem Tisch sammelt sich schon ein bisschen Staub. Sie sollte mal wieder staubsaugen. Gestern war sie wohl in Gedanken verloren. Sie hat wohl vergessen den Papierkorb zur Seite zu stellen.

Neben dem Computer steht eine Comic-Eule. Die Hat Leonie ihr geschenkt. Weil Eulen doch so süß sind. Es würde ihr gut tun, mal eine Eule zu sehen. Ja, ihr neunzehnter Geburtstag. Endlich studieren. Leonie traf sie zuallererst. Am Kiosk in der Heinrichstraße. Das weiß sie noch genau. Den Stift hat sie immer noch. Sie brauchte unbedingt einen grünen Filzstift. Ihr alter war ausgelaufen. Dann hat sie Leonie getroffen.

Sie sitzt da. Sie denkt nach. An ihrem Schreibtisch mit dem Computer, der Eule, den Stiften, dem Ordner, dem Staub neben dem Papierkorb. Lukas, die Abschlussarbeit, Reis mit Zucchini, das Kino, ihre Mütze. Sie merkt, dass sie nicht mehr ganz bei der Sache ist und versucht sich wieder zu konzentrieren.

Wie wäre es mit Rot? Ariadnes Faden. Feuer. Liebe. Schmerz. Sie spürt die prickelnde Wärme. Oder Lila. Freundlicher als rot. Brombeeren. Vergissmeinnicht. Ihr Shampoo. Sie riecht an ihrem Haar. Ja, Lila. Oder nicht noch weiter auf dem Farbkreis? Blau? Meer. Urlaub. Sie hört das Rauschen. Ach, wie gern wäre sie wo anders. Anders. Gelb! Sonne. Strahlen. Grell. Ein neuer Schein! Sie schaut aus dem Fenster. So viele schöne Gedanken.

Sie greift zum Becher mit ihren Stiften. Sie denkt an Bäume, weite Wiesen, das Fahrrad, das sie als Kind hatte. Vor ihr liegt ein Papier. Daran arbeitet sie die ganze Zeit. Sie schreibt.

Jetzt kann es weiter gehen. Denkt sie sich.

Auf dem Papier steht „ToDo-Liste“. Grün unterstrichen.